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Full text of "Schilderungen berühmter Staatsgelehrter"

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Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 



Von R. Hohl. 



Es ist den Staatswissenschatten bis itzt nicht so gut geworden, 
einen tüchtigen Geschichtschreiber ihrer Gesammtentwicke- 
lung zu erhalten. Ist auch die Geschichte einzelner Theile mehr 
oder weniger genügend bearbeitet , wie z. 6. die der politischen 
Oekonomie, des Völkerrechtes, der Rechtsphilosophie ; sind ferner 
(was freilich noch lange keine Geschichte ist) Aufzählungen von 
Schriftstellern und Nachrichten über das Aeussere ihrer Werke 
in denselben und in anderen Disciplinen vorhanden , so namentlich 
auch im positiven deutschen Staatsrechte: so fehlt es doch an 
einer, die Gesammtheit umfassenden Erzählung, an einer Dar- 
stellung, welche die Erscheinungen und Leistungen sowohl als 
literarische Reihenfolgen, als in der Verbindung mit den allgemein 
staatlichen und Gesittigungs-Zuständen begreifen lehrte. Ein solches 
Werk wäre freilich eine grosse Aufgabe; namentlich auch wegen 
der entsetzlichen Menge von Kehricht aller Art, welcher gerade 
in den politischen Wissenschaften Wege und Stege fast versperrt, 
und der doch immer erst besichtigt werden muss, ehe er bei 
Seite geschoben werden darf. Allein die Leistung ist möglich 
für einen Mann, welchem jugendliche Arbeitskraft und Geistes- 
frische, die Nähe einer sehr grossen Buchersammlung und Freiheit 
von erdrückender Tagesarbeit beschieden ist. Ein solcher wird 
sich denn hoffentlich auch früher oder später finden. Bis dahin 

13* 



194 Schilderangen berühmter Staatsgelehrter. 

müssen wir uns freilich mit Stückwerk begnügen, das besten 
Falles als Beitrag und Vorarbeit zu einer solchen klassischen 
Arbeit dienen kann. — Keineswegs im Besitze der oben bezeich- 
neten Eigenschaften kann der Verfasser der nachstehenden Blätter 
nur bescheiden dann und wann einen Stein für das künftige Ge- 
bäude beifahren und vor der Hand aus dem Rohen arbeiten. 
Er hat solches in dieser Zeitschrift schon einigemal versucht 
durch Zusammenstellungen der Schriften , welche über einen be- 
stimmten kleinen Theil einer Staatswissenschaft bestehen; wünscht 
nun aber seinen guten Willen auch durch eine hievon verschie- 
dene Art von Darstellungen zu beweisen, welche zu einer voll- 
ständigen und gerechten Kenntniss des in den Staatswissenschaften 
Geleisteten ebenfalls nöthig sind , und somit auch als Vorarbeiten 
benützt werden mögen. Es sind diess Uebersichten und Beurthei- 
lungen der gesammten Thätigkeit einzelner ausge- 
zeichneterPublicisten. In solchen Persönlichkeiten spiegelt 
sich das gesammte Wissen und der ganze geistige Standpunkt 
eines Zeitabschnittes auf das bequemste und sicherste ab. Der 
Mann ist mehr, als jeder Einzelne von den Andern; allein er 
ist nicht mehr, als alle Andern zusammen. Er steht nur an ihrer 
Spitze, ist die Zusammenfassung derselben. Kennt man ihn, so 
kennt man seine Zeit, und begreift, warum sie sich gerade wie 
sie that, und nicht anders, zur Wissenschaft verhielt. Er ist 
auf diese Weise die Personification eines ganzen Abschnittes der 
Geschichte seiner Disciplinen. Erst wenn die Bilder der leitenden 
Männer zu den Uebersichten über die Masse der Arbeiten kommen, 
wird ein vollständiges Begreifen der verschiedenen Entwickelungs- 
stände der Wissenschaften möglich. — Es will billig dünken, 
für solche Darstellungen zunächst Deutsche zu wählen. Die 
Reihe dieser aber hätte kaum mit einem Andern begonnen 
werden dürfen, als mit J. J. Moser, jenem Lichtbilde von 
Fleiss, Rechtschaffenheit und gesundem Verstände, von dessen 
Arbeiten wir Alle itzt noch zehren. Da jedoch der Verfasser 
des Gegenwärtigen schon vor einiger Zeit an einem andern Orte 
(in den Monatsblättern zur Allgem. Zeitung, 1846, August) 
versucht hat, den ehrwürdigen Mann und seinen geistvollen 
Sohn Friedrich Karl zu schildern, so darf er sich natürlich nicht 



Johann Stephan Pütter. {95 

wiederholen. Er erachtet es jedoch nicht als Unbescheidenheit, 
wenn er bittet, sich „die beiden Moser in ihren Verhältnissen 
zum deutschen Leben und Wissen" als ein Seitenstück zu dem 
nachfolgenden Bilde vergegenwärtigen zu wollen. 



I. 

Johann Stephan Pfltter. 

Es ist keineswegs leicht, sich ein richtiges Bild zu machen 
von den Verdiensten solcher Männer, welche die von ihnen ge- 
pflegte Wissenschaft nicht sowohl durch einen kühnen umwan- 
delnden Gedanken, als durch richtigen Tact in der Behandlungs- 
art und Anwendung, durch rastlose und lange fortgesetzte 
Bildung des Einzelnen und der Einzelnen, durch eine, vielleicht ihnen 
selbst unbewusste Verquickung ihres Stoffes mit einer höhern gei- 
stigen allgemeinen Bildung gefördert haben. Selbst der Geschichts- 
und Sachkundige versetzt sich nur schwer in den ganzen geistigen 
Zustand , in welchem solche leisere und langsamere Verbesse- 
rungen begannen ; und doch ist diess der gerechte Ausgangspunkt 
der Beurtheilung. Man ist nur allzugeneigt, anstatt der Fort- 
schritte, welche ein solcher zwar nicht genialer, allein vielleicht 
höchst kenntnissreicher, heller, in seiner Art geschmackvoller 
Mann zu Wege brachte, nur auf das zu blicken, wo er von 
Spätem noch übertreffen, von urkräftigen Neuerern und Ent- 
deckern in Schatten gestellt, von einer nachfolgenden Bildungs- 
Entwickelung als eng und klein erfunden wird. Dazu kommt endlich 
noch, dass man den Maassstab nicht hat zu der, die relative Bedeu- 
tung zunächst bestimmenden, Vergleichung mit den geringern 
Zeitgenossen. Wer hat Zeit und Lust die Leistungen der Mittel— 
mässigkeit so genau zu erkunden, dass er scharf die Linien 
zeichnen könnte, über welche jener Bedeutende mit seiner ganzen 
Länge emporragt ? Man hat also Mühe , die Bewunderung zu 
begreifen, welche die Zeitgenossen einstimmig spendeten, und 
ist nicht übel aufgelegt, diese in Bausch und Bogen der Ueber- 
schätzung zu zeihen. Kommt aber etwa gar noch eine Aus- 



196 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

Stellung dazu, welche wir nach unseren itzigen Begriffen vom sitt- 
lichen Standpunkte aus machen müssen: so ist sowohl Billigkeit 
als Einsicht in ungewöhnlichem Maasse zu einem völlig gerechten 
und subjectiv wahren Urtheile erforderlich. 

So ergeht es uns mit dem vor einem halben Jahrhunderte über 
Alles gefeierten Johann Stephan Pütter. Jeder Anfänger 
weiss, dass er unter den grossesten Kennern und Förderern des 
Reichsstaatsrechtes genannt wird; dass seine Aussprüche in ganz 
Deutschland mit einer fast abergläubigen Anerkennung befolgt 
wurden; dass während fast zweier Menschenalter demjenigen, 
welcher ihn nicht als Lehrer gehabt hatte, die höhere Weihe 
des Rechtsgelehrten und Staatsmanns zu fehlen schien. Seine 
Schriften stehen in allen Büchersammlungen; und wer an den 
Glanz Göttingens denkt, erinnert sich Pütter's vor den meisten 
seiner Genossen. — Und dennoch haben wir uns fast mit Ge- 
walt zurückzuhalten, dass wir nicht bei Benutzung seiner 
Arbeiten, bei einem Ueberblicke über seine Leistungen eine 
wesentlich kritische Stellung einnehmen. Es drängt sich uns 
z. B., wenn wir seine Beweisführungen gegen eine ungehörige 
Anwendung des römischen Rechtes auf wesentlich deutsche Zu- 
stände lesen, die Erinnerung an die so ganz anders tiefe Kennt- 
niss der Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter auf, 
welche wir itzt Savigny verdanken. Oder bei seiner Darstel- 
lung der Anfänge der deutschen Geschichte und des deutschen 
Rechtes das Bewusstseyn, wie weit wir diesen Kinderschuhen 
durch Eichhorn, Grimm, Waitz und so manche Andere entwach- 
sen sind. Mit Verwunderung sehen wir, dass der in der That 
vaterlandsliebende Mann sich bei dem schon beinahe ganz ab- 
gestorbenen Reichsleben so genügsam mit den wenigen noch 
etwas pulsirenden Organen zufrieden stellt, und nur für die 
juristische Auseinandersetzung und logische Anwendung, nicht 
aber für die höhere staatliche und menschliche Würdigung dieser 
kläglichen Zustände Sinn hat. Es erscheint uns doch ein gar 
enger und niederer Gesichtskreis, wenn in den zur Bildung der 
deutschen Geschäfts- und Staatsmänner bestimmten Schriften 
auch nicht mit einer Silbe des allgemeinen Verhaltens der Ver- 
fassung des deutschen Reiches und der Verfassungen der ver- 



Johann Stephan Pütter. 197 

schiedenartigcn deutschen Territorien zu den übrigen Staats- 
Einrichtungen in der Welt gedacht, eine Einreihung derselben 
in die verschiedenen wissenschaftlichen oder practischen Kate- 
gorieen der Staatenbildung versucht, oder gar eine kritische 
Yergleichung mit denselben unternommen wird. Es will uns 
diese Vereinzelung und die sich vollkommen genügende feinste 
Ausbildung des Vereinzelten fast chinesisch bedünken. Endlich 
wird unser Gleichheitsgefühl durch die uns ganz unbegreiflich 
erscheinende gesellschaftliche Unterwürfigkeit des berühmten 
Gelehrten; unser unruhiges Umtreiben in Staatsverbesserungen 
durch sein gleichgültiges Hinnehmen von Gutem und Bösem, wenn 
und so weit es nur Gesetz war; unser Geist des Widerspruchs ge- 
gen Regierungsfehler durch seine überschwängliche Verehrung 
der gewöhnlichsten Pflichterfüllung nur allzu leicht und tief ver- 
letzt, fast zu verachtender Regung hingerissen. Kurz, wir ertappen 
uns zunächst auf der Lust zum Tadel und zur Selbstgenügsam- 
keit; anstatt dass wir erst gerecht würdigten, wie Pütter nach 
Form und Inhalt die Wissenschaft des deutschen Staats- 
rechtes getroffen, wie er sie hinterlassen, was er gewürkt hat, 
was er unter gegebenen Umständen seyn konnte und seyn wollte. 

Ein Versuch einer solchen gerechten Würdigung soll in 
Folgendem gemacht werden. 

Es ist gewöhnlich, Pütter neben J. J. Moser zu nennen. 
In der That sind auch der Vergleichungspunkte viele und be- 
deutende. Beide widmeten ein langes arbeitgefülltes Leben we- 
sentlich der Fortbildung des positiven deutschen Staatsrechtes; 
Beide erwarben sich durch ihre Kenntnisse in diesem ins Un- 
ermessliche verzweigten und verschnörkelten Fache die allge- 
meinste Anerkennung, fast die Bedeutung von Rechtsquellen; 
Beide strebten nicht über den gegebenen Boden des bestehenden 
Rechtes hinaus, innerhalb desselben hinlänglich beschäftigt und 
das vorhandene Gesetz, wie es war, ehrlich und genau auffassend 
und auslegend; sie würklen neben einander fast ein halbes 
Jahrhundert, trotz des gleichen Stoffes in selten zusammentreffen- 
den Bahnen. Dennoch ist die Verschiedenheit beider Männer sehr 
bedeutend, nicht blos hinsichtlich ihres Lebensganges und ihrer 
Persönlichkeit, sondern auch in Beziehung auf ihre Leistungen 



|98 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

im deutschen Staatsrechte. Hier ergänzen sie sich mehr, als dass 
sie mit einander wetteifern. 

Moser wurde durch Wahl und Geschick im practischen 
Leben vielfachst umhergeworfen und lernte die Wichtigkeit der 
Uebung, der Vorgänge kennen, fand in der Erfahrung, wie 
allgemeine Regeln oft im Stiche Hessen. Für die Philosophie 
des Rechtes fehlte ihm der Sinn; tiefere geschichtliche Gelehr- 
samkeit hatte er nicht: so wurde er in seiner schriftstellerischen 
Thätigkeit vor Allem auf Beibringung des Stoffes und auf äusser- 
liche Eintheilung der sonst ganz ungewältigbaren Masse hinge- 
wiesen. Hierin leistete er denn Unglaubliches. 

Anders Pütter. Dieser fand seine Lebensbestimmung in 
einem Lehrstuhle, und zwar wesentlich in einem Göttinger Lehr- 
stuhle. Keine noch so lockenden Berufungen an andere Orte 
und zu andern Beschäftigungen vermochten ihn der Stellung zu 
entführen, an welche ihn Dankbarkeit, Bewusstseyn der Nützlich- 
keit, Vortheil und Gewohnheit gleichmässig fesselten. Er zählte 
seine Zuhörer lange Jahre hindurch nach Hunderten. Daneben 
strömten ihm fast über Wunsch und Gewältigungsmöglichkeit 
Anfragen über schwierige Fragen des öffentlichen Rechtes aus 
allen deutschen Landen zu. Hierdurch war denn auch seine 
Thätigkeit bestimmt. Schriftstellerisch war sie eine zweifache: 
Ausarbeitung und immer wieder neue Herausgabe von Lehr- und 
Handbüchern zunächst für seine Zuhörer; und dann Erörterung 
schwieriger practischer Fälle. Als Lehrer aber setzte er sich wäh- 
rend mehr als einem halben Jahrhunderte die Aufgabe, die Blüthe 
der künftigen höhern Geschäftsmänner Deutschlands, zum Theile die 
Söhne der Fürstengeschlechter, auf den Standpunct zu bringen, 
dass sie mit klarem Verständniss des Bestehenden und mit 
maassgebenden allgemeinen Grundsätzen an der Leitung der 
öffentlichen Angelegenheiten Antheil nehmen könnten. In beiden 
Beziehungen also war zu sorgen für die Herstellung des Systems 
und für Aufstellung durchgreifender oberster Sätze, unter welche 
das Einzelne eingereiht, und welche mit guter Logik und genü- 
gendem Wissen nach Bedürfniss entwickelt und zum vorliegenden 
Falle herabgeführt werden konnten. Der allgemeine so lange fort- 



Johann Stephan Pütter. 199 

gesetzte Beifall beweist, dass Pütter dieser Aufgabe in unge- 
wöhnlichem Maasse zu entsprechen verstand. 

Und in der That standen ihm denn auch die erforderlichen 
angeborenen und erworbenen Eigenschaften zur Seite. Zu allen 
seinen Arbeiten brachte er klaren ordnenden Verstand, welcher 
die Fähigkeit Verwirrtes zu recht zu legen und den Hauptpunct 
zu finden in hohem Grade besass; instinctartigen Widerwillen 
gegen überflüssige, zum wahren Verständnisse nichts beitragende 
Gelehrsamkeit; hinreichende Freiheit, um nach der Eigenthüm- 
lichkeit und dem Bedürfnisse der Frage sie vom geschichtlichen, 
vom positiv gesetzlichen oder vom rechtsphilosophischen Stand- 
puncte aufzufassen ; Bedürfniss systematischer und logischer 
Ausbildung; immer steigende Kenntniss der Wissenschaft. Da- 
bei hielt er innerlich und äusserlich Maass. Was nicht unbedingt 
nöthig war zu dem Verständnisse der nun einmal vorliegenden 
Zustände und Rechtsinstitute, hatte für ihn weder Reiz noch 
Werth. In der Geschichte des Rechtes z. B. untersuchte er für 
sich selbst, stellte er für Leser und Hörer nur diejenigen Zeit- 
abschnitte dar , deren Entwickelungsgang zum Verständnisse be- 
stehender Zustände diente. In der Rechtsphilosophie ging er nicht 
höher und nicht weiter, als nöthig war, um für die Landeshoheit 
einen in keinem positiven Gesetze ausgesprochenen allgemeinen 
Zweck zu begründen. Er gab Regeln ; machte aber nicht Jagd auf 
die Ausnahmen und Wunderlichkeilen, denn sie konnten ja nur 
verwirren. Seine Gutachten sind ein Muster von Beschränkung 
auf das zur Sache Gehörige. — So war er denn der vorzugsweise 
practische Theoretiker und der höchst gelehrte Practiker, immer 
geeignet zur Belehrung und Unterrichtung, in manchen Beziehun- 
gen das Musterbild eines Hochlehrers; und mehr nach dem Ge- 
schmacke des Einzelnen, als nach einem maassgebenden Urtheile 
muss die Frage entschieden werden, ob Pütter's Ordnen, oder 
Moser's Sammeln, ob die Auffindung der Grundsätze, wie ent- 
schieden werden sollte, oder die der Thatsachen, wie entschie- 
den wurde, den Vorzug verdiene. Wir unseres Theiles stellen 
die Brustbilder beider Männer in gleiche Höhe , und möchten 
wir auch selbst nicht schreiben, dass sie die „Dioscuren des 



200 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

deutschen Staatsrechtes" seien, so können wir es doch uns 
gerne gefallen lassen, wenn von Andern so geschrieben ist 

Lösen wir nun aber Pütter ab von dem Vergleiche um ihn 
an und für sich zu würdigen, so haben wir eine doppelte Auf- 
gabe zu lösen. Zunächst muss untersucht werden, was Pütter 
stofflich und formell überhaupt geleistet hat. Es sind also seine 
Arbeiten nach Gegenstand und Umfang anzugeben ; ihre wissen- 
schaftliche und practische Brauchbarkeit an sich ist zu würdigen ; 
es mag etwa angegeben werden, welche von den Schriften noch 
itzt von Bedeutung, weil später nicht übertroffen ist. Dann aber 
ist, zweitens, abzuwägen, wie sich diese Leistungen Pütters zu 
seiner Zeit verhalten, d. h. welche Stelle sie in der Enwicklung 
der Wissenschaft und als Befriedigung grosser Lebensbedürfnisse 
einnehmen. 

Leichter und, wie der Erfolg zeigen wird, erfreulicher ist 
die Lösung des ersten Theiles der Aufgabe. Doch ist auch hier 
Umsicht nöthig. Es reicht nämlich nicht hin, nur etwa die ver- 
schiedenen Gattungen von pütter'schen Schriften zu unterscheiden 
und jede nach Verdienst zu würdigen; sondern wir haben vor 
Allem einen richtigen Standpunct zu Ueberschauung der gan- 
zen Thätigkeit einzunehmen. Hierzu aber ist die Beachtung 
einer doppelten Thatsache unerlässlich, wollen wir nicht die Be- 
deutung des Mannes ungerechtest unterschätzen. Einmal darf 
nicht übersehen werden, dass Pütter vor Allen Lehrer war. 
Nun liegt es aber in der Natur des mündlichen Vortrages, dass 
seine Würkungen, und seien sie noch so gross gewesen, sich 
in späterer Zeit und überhaupt von Nichttheilnehmern auch nicht 
einmal annähernd schätzen lassen. Ist es doch nicht sowohl der 
Stoff, als die Methode, die Kunst der Anregung, der Eindruck 
der geachteten Persönlichkeit, welche nützen. Selbst wenn Rede- 
gabe in höherem Grade und wenn glänzender Geist fehlen, kann 
doch die Würkung eine höchst bedeutende seyn. Diese Wür- 
kung aber zeigt sich nur zum geringsten Theile an denjenigen 
Zuhörern, welche etwa eine sogenannte Schule bilden, d. h. 
über gleiche Gegenstände und in gleicher Auffassung Schriften 
bekannt machen. Von weit grösserer Bedeutung ist die Geistes- 
richtung, sind die allgemeinen Grundsätze, welche Hunderte, 



Johann Stephan Pütter. 201 

vielleicht Tausende von Männern erhalten, welche zwar nie einen 
Buchstaben drucken lassen , allein in allen Arten von öffentlichen 
Aemtern würken und nützen. Niemand denkt daran, solche 
bessere Zustände auf jenen Lehrer zurückzuführen ; vielleicht ist 
sich selbst der Handelnde dieses Ursprungs nicht bewusst; und 
dennoch hat er das letzte Verdienst. Wenn nun irgend ein 
deutscher Hochlehrer solchen Einfluss hatte, so war es Pütter, 
dessen Schüler während zweier Geschlechter in allen höchsten 
Stellen zu finden waren. Wir Itzigen wissen wenig mehr, wie 
Pütter lehrte, (die ältesten von uns haben ihn nur in den letz- 
ten Jahren der abnehmenden Kraft gekannt,} allein wir dürfen, 
wir müssen annehmen, dass dieser Theil seiner Lcbensthätigkeit 
von höchstem Werthe war. — Zweitens können wir uns nicht 
genug hüten vor dem Fehler, die Bedeutung einer Schrift zu 
beurtheilen nach der practischen Wichtigkeit des Gegenstandes 
für die itzige Zeit. Ob eine Frage überhaupt eine Behandlung 
verdiente, ob eine so ausführliche Bearbeitung u. s. w. dürfen 
wir nicht darnach bemessen, dass der ganze Gegenstand itzt 
verschwunden ist und jede Bedeutung für das Leben verloren 
hat. Wenn zur Zeit des Erscheinens der Schrift die Sache 
wichtig, in diesem Verhältnisse auch die Ausführung gehalten 
war: so ist das Erscheinen einer solchen Arbeit an sich voll- 
kommen gerechtfertigt, und wir haben das Verdienst der Arbeit 
anzuerkennen. Diess Alles liegt freilich auf flacher Hand ; allein 
die Täuschung ist so leicht, da3s weil uns eine Schrift nicht an- 
spricht sie nie angesprochen haben könne und dürfe. Und so 
sind wir denn namentlich auch sehr in Gefahr gegen Pülter ungerecht 
zu seyn. Bearbeitungen des ganzen Reichsstaatsrechtes oder auch 
an sich wichtiger f heile desselben werden natürlich für alle Zeiten 
ihre Bedeutung erhalten. Solche schützt die Grossartigkeit des Ge- 
genstandes, das Bedürfniss eines geschichtlichen Verständnisses 
der Gegenwart, häufig selbst noch das practische Bedürfniss. 
Allein anders verhält es sich mit gar manchen Monographien, 
selbst über wichtigere Materien, wenn nämlich die in Frage stehende 
Einrichtung nicht nur itzt ganz verschwunden ist, sondern wenn 
wir, von unserm Standpunkt aus, überhaupt den Stab über sie 
brechen wegen Unzureichenheit, Fehlerhaftigkeit u. s. w. Leicht 



202 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

möchte diess z. B. der Fall seyn bei den zahlreichen Schriften 
Pütter's über die Reichsgerichte und die reichsgerichtlichen 
Processe. Seine scharfsinnige und, nach Beschaffenheit der 
Zeiten, muthige Aufdeckung von Gebrechen bei den Reichsge- 
richten oder Entscheidung von Streitfragen, seine Lehrbücher des 
Processes, seine darauf bezüglichen Actensammlungen waren 
einst sehr nützlich; und unzweifelhaft hat er den Hauptanstoss 
gegeben zum allgemeinem Studium dieser Lehren auf den deut- 
schen Hochschulen: allein für uns hat in der Regel nur noch 
der allgemeine Gedanke der Reichsjustiz eine politische Bedeu- 
tung, die Einzelnfragen sind uns ganz gleichgültig, und es will 
uns sogar, wie gesagt ungerecht genug, die Ansicht beschleichen, 
die genauen Erörterungen , die Ausbesserungen im Kleinen an 
einer Anstalt, die im Grossen so sehr mangelhaft gewesen sei, 
zeugen von eigner Kleinlichkeit. 

Nehmen wir denn nun aber, unter diesen Verwahrungen 
und. Beschränkungen, die wissenschaftliche Thätigkeit Pütters an 
sich in Würdigung, so versteht sich wieder von selbst, dass 
hier nur diejenigen seiner Schriften zur Erwägung kommen, 
welche das Staatsrecht betreffen. Mit einer Beurtheilung z. B. 
seines Lehrbuches des deutschen Privatrechtes, seiner juristischen 
Encyklopädien, seiner Einleitung zur juristischen Praxis, oder 
gar seine geistlichen und philologischen Versuche würden wir 
nur eine Abschweifung machen, die nicht einmal durch einen sehr 
bedeutenden Inhalt dieser Schriften gerechtfertigt wäre. Der- 
gleichen Nebenbeschäftigungen und zum Theile fast nur Spiele- 
reien in müssigen Stunden mögen immerhin über den Umfang der 
Begabnisse und der Theilnahme des Mannes Auskunft geben ; 
allein sie sind von keinerlei Bedeutung für unsern Zweck, und 
in der That auch nicht für das Wesen des Mannes, der seiner 
Haupteigenschaft nach eben nur Staatsrechtsgelehrter war. — 
Zur Ordnung aber der Leistungen auch nur in diesem letztern 
Kreise ist eine Sonderung der Schriften nach ihren Gegenstän- 
den nöthig. Wir haben nämlich von Pütter auch nur im 
Staatsrechte Systeme, Monographien, geschicht- 
lichen und literar-geschichtliche, endlich practische 
Arbeiten. 



Johann Stephan Pütter. 203 

Der systematischen Werke im Gebiete des Staatsrechts 
hat Pütter drei geliefert. Vor Allen, ein in verschiedenen Bear- 
beitungen und Sprachen bis zur fünfzehnten Ausgabe gediehenes 
Lehrbuch des deutschen Staatsrechtes 1 ); ein System 
des deutschen Privatfürstenrecht es und eine, freilich 
mit dem ersten Bande ins Stocken gerathene, Reihenfolge von 
Land es Staatsrechten 2 ). Ist nun auch ohne Zweifel das 
letztgenannte Unternehmen ein Missgriff in mehr als einer Be- 
ziehung, denn (wo wäre das Ende dieser Sammlung im deut- 
schen Reiche gewesen, und welcher Einzelne hätte zureichend 
genaue Kunde von der Gesetzgebung so vieler Staaten?) so 
sind dagegen die beiden andern Schriften um so gelungener. — 
Das Lehrbuch des Staatsrechtes erfüllt nicht nur seinen 
nächsten Zweck, als Grundlage für mündliche Vorträge zu dienen 
durch Maass und gewählte Belegstellen auf das wünschenswer- 
teste; sondern es hat auch zuerst den krausen Stoff des Reichs- 
staatsrechtes in eine würklich wissenschaftliche Form und Ord- 
nung gebracht, und damit in weiterem Kreise viel genützt. 
Verglichen mit den zahlreichen Vorgängern hat es die entschie- 
densten Vorzüge hinsichtlich der zweckgemässen Reihenfolge der 
Gegenstände, der scharfen Fassung der Grundsätze und der 
richtigen , ruhigen Logik der Entwicklung. Es ist vielleicht 
nickt mehr Wissen in dem Buche, als in manchem der altern; 
allein entschieden mehr Geschmack, Tact und Folgerichtigkeit. 
Pütter hatte den grossen Vortheil, die Arbeit wieder und wieder 
vor die Hand nehmen zu können, und sie auf diese Art so voll- 
kommen zu machen, als seine Persönlichkeit zuliess. In dieser 
ist denn auch wesentlich die Hauptausstellung gegründet, welche 
wir vom wissenschaftlichen Standpunkte ans dem Buche machen 
möchten. Es lag, wie bemerkt, in seiner ganzen Art, immer 
nur das, was ihm zum juristischen Verständnisse des Gegen- 
standes unentbehrlich schien, aufzunehmen; Weiteres schien 



1) „Institutiones juris public! Germania" in der letzten Umarbeitung ge- 
nannt, und auch in dieser Form zur sechsten Auflage und einer deut- 
schen Uebersetzung gelangt. 

2) Historisch-politisches Handbuch von den besondern deutschen Staa- 
ten. Bd. L Oesterreich, Baiern und Pfalz. Gott. 1758. 



204 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

ihm die Aufgabe , ja die Befogniss des Rechtslehrers zu über- 
schreiten. So deutet er denn auch hier nicht mit Einem Worte das 
Verhältniss der deutschen Reichsverfassung zu der allgemeinen 
Lehre von den Staatsformen und Zwecken an; ebensowenig ist auf 
ein Urtheil vom Standpuncte der Staatskunst über eine der 
Reichseinrichtungen, z. B. über die Wahl des Kaisers, über die 
Form des Reichstages, über die Theilung nach Kirchen u. s. w. 
auch nur angespielt. Er lehrte die gültigen Rechtssätze, ihre 
Folgerungen und ihre Ausnahmen; allein dazu gehörte weder 
ein Vergleich mit fremden Staatsgestaltungen, nach Billigung oder 
Tadel. Man mag diess nun nicht loben; allein muss den Mann 
nehmen, wie er eben ist. — Von noch unmittelbarerer Wichtig- 
keit, bis auf die Gegenwart herunter, ist Pütters Darstellung des 
Privat-Fürsteri rechtes. Systeme des gesammten Reichs- 
staatsrechtes gab es nöthigen Falles auch noch andere, wenn 
schon minder gute; und von Späteren haben solche, welche auf 
Pütter's Schultern stehen, manches weitere gute Handbuch gelie- 
fert, wie z. B. Meyer, Haberlin, Leist. Im Privat-Fürstenrecht aber 
ist er nicht nur die erste, sondern fast auch die letzte Auetori- 
tat; und es ist hier noch gültiges Recht. Wie es sich aus der 
Ueberfluthung Deutschlands mit dem römischen Rechte heraus- 
gearbeitet, so hat es auch die Napoleonischen Umstürzungen und 
selbst, bis itzt, die Gleichheitsideen überlebt. Sein Kreis ist so- 
gar noch ganz 'der alte; denn auch derjenige Theil der nach 
diesem Rechte Lebenden, welcher in andern Beziehungen zu nie- 
deren Rechtskreisen herabgedrückt wurde , hat wenigstens die 
Fortdauer der ur,alt angestammten persönlichen, FamUien- und 
Vermögensrechte gerettet. Und so sind denn Pütter's kurze und 
klare, auf tiefster Kenntniss der Rechte der „Erlauchten" ge- 
gründeten Sätze immer noch das Orakel der Antwortsuchenden. 
Spätere Bearbeitungen haben geschichtliche Nachträge oder ein- 
zelne kleinere Abänderungen geben können, aber keine wesent- 
liche Verbesserung oder Aenderung. Eine solche ist nicht 
vereinbar mit den Thatsachen und mit Pütter's ganz richtiger 
Auffassung derselben. 

Vielleicht noch grössern Einfluss als durch seine systema- 
tischen Werke hat Pütter durch seine Bearbeitungen einzelner 



Johann Stephan Pütter. 205 

Gegenstände erworben. Sie scheinen seiner Geistesart be- 
sonders entsprochen zu haben, und es kann namentlich selbst 
einem oberflächlichen Beobachter nicht entgehen, dass diese Mo- 
nographien mit dem Alter des Verfassers immer bedeutender 
werden. Die Früchte einer geschonten und regelmässig immer 
weiter ausgebildeten Kraft zeigen sich auf das erfreulichste. 
Während z. B. die Abhandlung über den Büchernachdruck, 
welche Pütter vor seinem fünfzigsten Jahre schrieb, zwar den 
Gegenstand frischer und weiter aufgreift, als bis dahin der Fall 
gewesen war, aber doch grosse Bedenken gegen ihre Grund- 
gedanken zulässt ') ; während ferner die ungefähr zu derselben 
Zeit erschienenen „Beiträge zum Staate- nnd Fürstenrechte " zwar 
das grosse Verdienst haben, für das dem geschichtlichen Boden 
immer mehr entwachsende Institut der Landeshoheit die Anwend- 
barkeit allgemeiner Staatsgrundsätze anzuwenden, allein auf 
der andern Seite viel zu wünschen übrig lassen in ihrer Auffassung 
von den Rechten des Reiches und von der Bedeutung der Land- 
stände : sind die drei von dem siebzigjährigen Greise in staunens- 
werth schneller Reihenfolge herausgegebenen grösseren Mono- 
graphien fast unbedingten Lobes werth. Die „Erörterungen und 
Beispiele des deutschen Staats- und Fürstenrechtes" (179|), von 
welchen der erste Band wesentlich Fragen des Privatfürstenrechtes, 
der zweite des Staatskirchenrechtes abhandelt, übertreffen ihre 
Vorgänger, die „Beiträge", entschieden an wissenschaftlicher 
Auffassung, an Gründlichkeit, kurz an geistiger Kraft, und sind 
auch itzt noch vielfach benützte Quellen der Belehrung und Be- 
rufung. Das gleich in folgendem Jahre (1795) erschienene 
Werk „der Geist des Westphälischen Friedens" ist in seiner 
Anlage klar und übersichtlich; giebt eine Auslegung der Be- 
stimmungen, wie sie nur die genaueste Kenntniss der verschlun- 
genen Verhandlungen und der durch den Frieden zu endenden 



1) Der Büchernachdruck nach ächten Grundsätzen de« Rechts. Gott., 
1774, 4. Es dürfte wohl itzt ziemlich allgemein zugegeben seyn, dass die 
unbedingte , jedem positiven Gesetze vorangehende , Unrechtmässigkeit des 
Nachdruckes nicht unangreifbar aus dem Mos zwischen dem Verfasser und 
dem Originalverleger geschlossenen Vervielfältigungsvertrage abgeleitet wer- 
den kann. 



206 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

Thatsachen und Streitfragen möglich machte; stellt namentlich die 
für die Protestanten erworbenen Rechte in das hellste Licht. 
Dabei ist schwer su sagen, ob die Gründlichkeit der Gelehrsam- 
keit oder die gänzliche Unterlassung alles Prunkes mit derselben 
offenere Anerkennung verdient. In jedem Satze tritt uns . der mit 
sich einige, den Stoff vollkommen beherrschende , durch eigene 
Sicherheit. Vertrauen erweckende Meister entgegen. Völlig ver- 
lorene Mühe wäre es aber endlich, die Vorzüge der aisbald nachher 
(1796) bekannt gemachten berühmten Schrift „Ueber Misshei- 
rathen deutscher Fürsten" noch besonders zu preisen. Es sind 
allerdings bis auf die jüngsten Tage verschiedene Ansichten über 
die Ebenbürtigkeitsfrage aufgestellt; es werden auch in keiner 
spätem Zeit Eigennutz und Gleichheitsgefühl unterlassen, vor- 
kommenden Falles neue Zweifel gegen geschichtliches Recht 
und Staatsweisheit zu erheben; eine allgemeine Zustimmung zu 
Pütter's strenger Lehre von der Ebenbürtigkeit ist daher, selbst- 
redend, ausser Frage: allein selbst Gegner müssen dem Werke 
Pütter's das Zeugniss geben, dass es nach Anlage, geschichtlicher 
Gelehrsamkeit und strenger Beweisführung ein Muster von Mo- 
nographie ist. 

Ohne genaue Kenntniss der deutschen Geschichte 
war Verständniss , Bearbeitung des deutschen Reichsstaatsrechtes 
weder in seinem Ganzen noch in einzelnen Theilen möglich. 
Dass ein Meister dieser Wissenschaft aber auch ein guter Ge- 
schichtschreiber sei, war damit natürlich nicht gesagt, und es 
beweist eine reiche Begabniss, dass Pütter auch hierzu den Stoff 
in sich fand. Noch auffallender aber ist, dass auch hier in sei- 
nem vorgerückten Alter die Leichtigkeit und Sicherheit der 
Darstellung, die Klarheit des Gedankens, der Tact und Geschmack 
in der Auswahl entschieden zunahm. Nachdem er früher ver- 
schiedene Lehrbücher der Reichsgeschichte geschrieben, hierbei 
aber kaum die Mittelmässigkeit Überstiegen, namentlich noch in 
seinem „Vollständigen Handbuche der deutschen Reichshistorie 
(2te Aufl. 1772) einen völlig barbarischen Styl zu Tage ge- 
bracht hatte: tritt er mit einem nach Stoff und Form trefflichen 
geschichtlichen Werke hervor. Es ist diess sein „Historischer 
Entwurf der heutigen Staatsverfassung des deutschen Reiches" 



Johann Stephan Pütter. 207 

(3 Bde. 1784, und später noch mehrmals unverändert.) Selbst 
itzt, nachdem wir in der Staats- und Rechtsgeschichte seit dem 
Anfange dieses Jahrhunderts so sehr gefördert worden sind durch 
unsere treffliche germanistische Schule, ist Pütter's Werk mit 
Nutzen zu gebrauchen, ja in seiner Art ohne Nebenbuhler. 
Auf Wunsch der Königin von England, somit in gemeinfasslicher 
Weise und ohne Darlegung von Gelehrsamkeit, geschrieben, giebt 
es nicht sowohl die Rechtsalterthümer, als die geschichtliche Ent- 
wickelung der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch be- 
stehenden Reichseinrichtungen. Auch hier hleibt Pütter allerdings 
seiner Art getreu, indem er, ohne Darlegung höherer staatsmänni- 
scher oder allgemeiner weltgeschichtlicher Auffassungen, aus- 
schliesslich die juristische Seite festhält: allein in diesem Gedanken- 
und Thatsachenkreise ist er meisterhaft klar, einfach, gedrängt. 
Er hebt nur die „Merkwürdigkeiten" hervor, geht nur selten von 
der Erzählung zur dogmatischen Erörterung über, ist im Urtheile 
massig und umsichtig, wenn er schon seinen protestantischen 
Standpunkt und seine Bevorzugung der reichsständischen Rechte 
gegenüber von den kaiserlichen nicht verbirgt. Seine Kenntniss 
der wesentlichen oder berühmten Rechtspuncte und der ein- 
schlagenden Thatsachen ist staunenswerth, und das ganze Buch 
höchst tauglich zum Unterrichte des höheren Geschäftsmannes. 
Es mag wissenschaftlich nicht eben Epoche machen, kein tiefes 
Verständniss der unter der juristischen Decke liegenden innern 
Fäulniss der Reichszustände verrathen und vermitteln, allzu ober- 
flächlich oder vorsichtig über die staatlichen Ursachen und Fol- 
gen des dreissigjährigen , des siebenjährigen Krieges weg- 
gehen, u. s. w.; den von Pütter gewollten Zweck erfüllt es 
vollständig, und dieser war, wenn auch nicht der höchst mög- 
liche, so doch jeden Falles ein ganz bedeutender. 

Täglich im Gebrauche bei jedem Bearbeiter des deutschen 
Staatsrechtes sind noch heute die literargeschichtlichen 
Arbeiten Pütter's. Zu dieser reichen Belehrung über den Gang 
der wissenschaftlichen Ausbildung des deutschen Staatsrechtes 
.und über das Daseyn und Bedeutung der einzelnen Schriften, 
müssen wir um so häufiger Zuflucht nehmen, als die Fluth der 
neueren Literatur uns weiter und weiter von den altern Büchern 

ZeiUchr. für 5U»Uw. 1851. 2« Heft. 14 



208 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

trennt, und wir also uns oft auf die Kenntniss und das Urtheil 
eines berühmten Gewährmannes verlassen müssen. Hier finden 
wir denn schon in den beiden Bänden der Gelehrten 
Geschichte von Göttingen manche dankenswerthe Nach- 
weise. Hauptsächlich aber ist es die Literatur des deutschen 
Staatsrechtes 1 }, welche uns reichlichst aushilft. Das Bücher- 
verzeichniss. ist von staunenswerther Vollständigkeit; die Ein- 
theilung logisch; das häufig eingestreute Urtheil unbefangen; 
die bei den wichtigen Werken mitgetheilte Uebersicht des In- 
haltes sehr bequem. Und ist auch die das Werk eröffnende Ge- 
lehrten-Geschichte schwächer, indem sie sich zuviel an das ein- 
zelne Werk hält, anstatt den Geist ganzer Abschnitte aufzufassen 
und den Zusammenhang mit anderen Zweigen des Wissens scharf 
nachzuweisen, und weil sich Pütter selbst hier von Göttinger 
Selbstvergötterung und von nutzloser Gegenübersetzung von Pro- 
testanten und Katholiken nicht frei zu halten wusste: so ist 
doch auch hier des richtig Belehrenden sehr viel, und überhaupt 
das ganze Buch für jeden Staatsgelehrten völlig unentbehrlich. 

Es trifft sich, bekanntlich, nieht eben immer, dass grosse 
Gelehrte auch in der Anwendnung ihres Wissens auf jeden 
einzelnen Fall gleich ausgezeichnet sind. Theils erstickt oft 
die Masse des Wissens die Klarheit der Auffassung und die 
Schärfe des Urtheiles; theils sind es überhaupt zwei verschiedene, 
in demselben Menschen keineswegs immer gleich vollkommen 
vorhandene Geistesfähigkeiten, aus einzelnen Thatsachen und un- 
tergeordneten Sätzen die allgemeinen leitenden Regeln abzu- 
ziehen, und den einzelnen Fall unter das entscheidende Gesetz 
zu bringen. .Für den rechtsgelehrten Practiker insbesondere ist 
die Fähigkeit und die Gewohnheit, in dem bestimmten Falle mit 
Beseitigung aller Nebenpuncte den rechtlichen Kern herauszufin- 
den und nur diesen zu behandeln, ebenso unentbehrlich, als sie 
in den höheren Graden der Sicherheit und Schnelligkeit selten 
ist Es ist daher gebührend anzuerkennen, dass PUtter diese 
Eigenschaften des ausübenden Juristen in hohem Maase besass, 
wie diess seine practischen Arbeiten auf das unzweideu* 



1) Literatur de* deutschen Staatireehtei. Gott., 1776—83. 1—10. 8. 



Johann Stephan Pütler. 209 

tigste nachweisen. Allerdings kann man durch die Kenntniss 
der theoretischen Schriften Pütter's auf eine solche Fähigkeit 
vorbereitet seyn. Wer in so auffallendem Grade Maass zu hal- 
ten, die Mittel dem Zwecke gemäss aufzufinden, von allen Ab- 
schweifungen unnöthigen Gelehrsamkeitsprunkes sich frei zu 
halten weiss: von dem kann allerdings eine zweckmässige Be- 
handlung auch practischer Geschäfte vermuthet werden. Allein hier 
übertrifft die Würklichkeit auch eine gesteigerte Erwartung. Püt- 
ter's auserlesene Rechts fälle 1 ) sind eine Schatzkammer 
von scharf aufgefassten Thatsachen, von acht juristischer An- 
schauung, und von gesunder Logik. Man steht in der That nicht blos 
staunend vor der Menge und Ausdehnung dieser Arbeiten, welche, 
— obgleich sie nur eine Nebenbeschäftigung Tür den fleissigen Leh- 
rer und den unermüdlichen theoretischen Schriftsteller waren, 
und blos eine Auswahl aus einer weit grösseren Anzahl ebenfalls 
von ihm bearbeiteter Fälle sind, — doch dreizehn Folianten füllen; 
sondern es erweckt auch der Inhalt hohe Achtung vor dieser 
ungewöhnlichen Gabe der practischen Behandlung von Rechts- 
fragen. 

Solches sind denn die Leistungen Pütter's in den verschie- 
denen Zweigen nnd Hülfswissenschaften des deutschen Staats- 
rechtes, und solches die Urtheile, welche über jede dieser 
Leistungen zu fällen sind nach ihrer Brauchbarkeit für die vom 
Verfasser zunächst beabsichtigten Zwecke und nach Verhältniss 
zu ähnlichen Arbeiten Anderer. Von selbst ergiebt sich daraus 
auch ein Gesammturtheil über die Bedeutung Pütter's an sich. 
Mag nämlich auch die eine oder die andere dieser Schriften 
schwächer seyn; erhebt sich auch nicht Eine zum würklich 
Grossartigen: so geben sie doch zusammen das Bild eines 
geistig wohl begabten Mannes, namentlich eines glücklich 
organisirten juristischen Kopfes, welcher seine Kräfte rastlos in 
einem langen Leben benützte, um die Wissenschaft des öffent- 
lichen Rechtes in einem für sein Vaterland sehr wichtigen Zweige 
zu fördern, und der auch würklich diese Wissenschaft nach 



1) Auserlesene Rechtsfälle aus allen Theilen der in Deutschland üblichen 
Rechtsgelehrsamkeit. Gott., 1763—1809. I-IX. Fol. 

14* 



210 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

Form und Inhalt, im Ganzen und in bedeutenden Einzelnheiten 
auf eine vor ihm ungekannte Stufe hob. Er hat mit klarem 
Verstände Verwirrtes geordnet, Ueberflüssiges beseitigt, Ueber- 
sicht für den practischen Staatsmann gewonnen. Er hat mit Lehre 
und durch gutes Beispiel die unwürdige Geschmacklosigkeit sei- 
ner Vorgänger beseitigt. Noch heute stehen wir in der Kennt- 
niss der altern Literatur des deutschen Staatsrechtes und im 
Privatfürstenrechte wesentlich auf ihm. Er hat viel geleistet; 
man hat in Deutschland viel von ihm gelernt; und man kann 
ihn noch itzt nicht entbehren. 

Hiermit ist nun aber erst die eine Hälfte der Aufgabe ge- 
löst. Wir begreifen, was Pütter geleistet hat. Nun fragt sich 
zweitens, auch, wie diese seine Leistungen zu der w ansehen s- 
werthen Entwicklung des positiven Staatsrechtes in Deutsch- 
land sich verhallen ; mit anderen Worten, wir müssen untersuchen, 
ob er das gethan hat, was er hätte thun können und sollen ? 
Hier nun aber fällt, leider, das Urtheil weit weniger günstig aus. 

Nichts wäre thörichter und ungerechter, als wenn man irgend 
eine Ausstellung an dem Zustande des Staatsrechtes zu Pütter's 
Lebzeiten auffinden und ihm vorwerfen wollte, dass er dem 
Mangel nicht abgeholfen habe. Ein einzelnes Menschenleben 
reicht nicht zu Allem hin, und Pütter hat wahrlich das seinige 
nach Kräften benützt. Verstand und Rechtsgefühl sagen uns, 
dass wir einen Mann lediglich in dem von ihm gewählten Wür- 
kungskreise auffassen dürfen, falls dieser ein an sich berech- 
tigter ist, und dass wir keine Forderungen an ihn stellen 
können, welche er nach seinen Anlagen, seiner ganzen Richtung 
und nach dem Maasse seiner sonstigen Arbeiten nicht leisten 
konnte. Wir haben also auch von Pütter nichts zu verlangen, 
als dass er in seiner Wissenschaft, dem positiven deutschen 
Staatsrechte, begriff, welche Forderungen zu seiner Zeit das 
Leben und die naturgemässe Entwicklung der Wissenschaft an 
einen Theoretiker von Ansehen und Einfluss machten; und dass 
er diesen Forderungen nach Kräften nachkam. Pütter war na- 
mentlich kein Philosoph. Anlage und Neigung beschränkten ihn 
auf das positive, geschichtliche Recht. Es wäre somit völlig 
verkehrt, ihn darüber tadeln zu wollen, dass er zu der, gerade 



Johann Stephan Pütter. 211 

während seiner besten Jahre in allen gesittigten Staaten so viel- 
fach und so lebhaft betriebenen, Förderung des allgemeinen 
Staatsgedankens, namentlich der Freiheitsrechte, nichts beitrug. 
Er überliess diess Andern, mit vollem Rechte seine Beschäf- 
tigung mit dem bestehenden Rechte auch für eine nützliche und 
nothwendige erachtend. 

Allein selbst wenn man diess Alles zugiebt und befolgt; 
wenn man nichts Ueberschwängliches verlangt und nichts mit 
der Art des Wissens und Denkens, mit der gewohnten Beschäf- 
tigung des Mannes Unvereinbares , nichts , was er nicht selbst 
als eine Notwendigkeit einsehen konnte und musste: so ver- 
mag man doch nicht Pütter den Vorwurf zu ersparen, dass er 
in zwei wichtigen Beziehungen der Aufgabe nicht nachkam, 
welche sur Zeit seiner kräftigsten Wirksamkeit an einen das 
deutsche Staatsrecht beherrschenden Publizisten zu stellen waren, 
und dass er in beiden Fällen Gleichgültigkeil gegen öffentliches 
Wohl, Unbekümmertheit um Recht und Ehre seines Volkes, 
Stumpfheit gegen die höheren Aufgaben seines Berufes bewies. 
Es sind aber diese beiden Beziehungen : einmal, die Rettung der 
positiven Rechte der Unterthanen in den einzelnen deutschen 
Territorien gegen Missbrauch allgemeiner staatsrechtlicher Be- 
griffe; zweitens, die Auffassung der Einrichtungen des Reiches 
aus dem Gesichtspunkte der Ehre, der Sicherheit, der Wohl- 
fahrt der deutschen Nation, aus dem Standpunkte der Würksam- 
keit und politischen Möglichkeit. 

Wir erklären uns näher. 

Zuerst von dem Vorwurfe, dass Pütter es unterliess, die 
wohlerworbenen , geschichtlich begründeten Rechte der Unter- 
thanen gegenüber von ihren Landesherrschaften zu retten. Das 
achtzehnte Jahrhundert war in den meisten deutschen Ländern 
die bleierne Zeit einer nichtswürdigen , eben so unsittlichen als 
gesetz- und vertragswidrigen Zwingherrschaft. An die Stelle der 
alten Landeshoheit war allmälig der Begriff der Staats- 
hoheit (der Souveränetät) getreten, und im westphälischen 
Frieden anerkannt, zum Reichsrechte geworden. Dieser neue 
Gedanke wurde nun aber, in jämmerlichster Nachäffung der 
französischen Gewaltregierung und Hofliederlichkeit, nur als eine 



212 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

Verstärkung der Regierungsgewalt bis zur Vernichtung der na- 
türlichen und der ausgesprochenen Landesrechte ausgebeutet, 
während daneben alle Folgen und Härten des früheren Patrimo- 
nialzustandes blieben. Namentlich waren die Ständeversamm- 
lungen und ihre Rechte ganz verschwunden oder mit Füssen 
getreten. Der einzelnen Beweise bedarf es hier nicht; strotzt 
doch die ganze Geschichte Deutschlands in jener Zeit von den 
traurigsten Fällen von Missregierung jeder Art. Aussaugung, 
Verfassungsbruch, Gewaltthat, Schaamlosigkeit war an der 
Tagesordnung in diesen mikroscopischen Staaten. Alles aber 
wurde gerechtfertigt durch die Befugnisse der Souveränetät. — 
Hier die Fahne des Rechts hoch zu halten , war die Pflicht des 
Theoretikers. So wie die Stellung und die Handlungsweise der 
Regierenden sich wesentlich geändert hatten, so musste izt auch 
der ganze Rechtszustand der Unterthanen neu gegründet werden. 
Den für die Fürsten aus allgemeinen Gründen gestellten Forde- 
rungen waren die aus derselben Quelle fliessenden Gegenforde- 
rungen und Begränzungen gegenüberzusetzen ; je grösser die 
Gewalt wurde, desto mehr mussten die alten Rechtsbollwerke 
vom Schutt gereinigt und nach den neu bedrohten Seiten hin 
verstärkt werden. Vorzüglich war es nöthig, das tief gesunkene 
Rechtsbewusslseyn des Volkes, die Achtung vor seinen Menschen- 
und Bürger-Ansprüchen zu beleben. Es ist da gar nicht die 
Rede von Umwälzung, von Freiheitsschwindel ; sondern nur von 
Erhaltung des Rechtes und des Gleichgewichtes. — Nun , in 
aller dieser Beziehung hat Pütter sehr wenig gethan. Kaum 
findet man den ganzen Zustand der Dinge auch nur angedeutet ; 
nirgends mit Kraft und Eindringlichkeit dem Unterthanenrechte 
gegen die neuen Beeinträchtigungen das Wort gesprochen; nie 
die Bedeutung der Stände recht hervorgehoben oder gar in einer 
höhern Auffassung genommen. Mag auch seyn, dass in einzelnen 
Rechtsfallen gegen allzu argen Unfug ein ausdrücklich abverlangtes 
Gutachten oder Urtheil gegeben ist: im Ganzen bewegt sich die 
Thätigkeit und der Eifer Pütter's um ganz andere Dinge , nament- 
lich um die Rechte der vornehmen Geschlechter u. dgl. Diess 
ist aber um so tadelnswerther, als er gar wohl die Wendung 
der Dinge in den deutschen Einzelnstaaten einsah und auch, wie 



Johann Stephan Pütter. 213 

namentlich aus seinen „Beiträgen" erhellt, die nun zn gebrau- 
chende Waffe des philosophischen Staatsrechtes wohl kannte. 
Und nicht besser verhielt sich Pütter zum Reichsstaatsrechte. 
Keinen Verständigen wird einfallen zu glauben, dass es irgend 
einer theoretischen Bemühung möglich gewesen wäre, das in 
den letzten Zügen liegende Reich wieder zu beleben. Hierzu 
konnte nur ein völliger Umsturz führen, aus dessen Trümmern 
ein neues, wesentlich anders organisirtes Leben empor blühen 
mochte. Also wird auch keiner tadeln, dass Pütter seine Zeit 
nicht mit dem Predigen völlig' aussichtsloser Aenderungsvorschläge 
verlor. Aber desshalb wäre doch ein schonungsloses Aufdecken 
des Uebels, ein Biosiegen der rechtlichen und thatsächlichen Un- 
fähigkeit zu Nützlichem und Kräftigem Pflicht gewesen. Auch 
hier galt es, wenigstens das Bewusstsein der Nation zu wecken, 
das Gefühl der unrühmlichen Hülflosigkeit , der Nothwendigkeit 
des Herausarbeiten aus dem Schlamme der Kleinlichkeit und aus 
der Dürre blos juristischer Formen und Hemmnisse bei ihr zu 
wecken. Es war die Aufgabe des Mannes, dem Jeder die 
grösste Kenntniss der Öffentlichen Dinge in Deutschland unter 
allen Lebenden zugestand, zu zeigen, dass die bestehenden Ein- 
richtungen den gerechten Forderungen der Nation, ja dass sie 
selbst ihren eigenen kleinlichen unmittelbaren Zwecken _ nicht 
entsprechen. Und zwar brauchte er dabei nicht im Mindesten 
seine Stellung zu ändern; es war ja die Belehrung um so wirk- 
samer, wenn nicht hochgefärbte Rhetorik, sondern gründlichste 
Kenntniss alles Einzelnen und der Folgen desselben das Wort 
führte. Auch hiervon ist nun aber bei Pülter keine Spur. In 
seinen geschichtlichen Entwicklungen sowohl als in den syste- 
matischen Darstellungen des Reichsstaatsrechtes wird das Be- 
stehende, so widersinnig oder ungenügend es seyn mag, ohne 
Widerstreben, ohne Bemerkung hingenommen und wieder- 
gegeben. Von einer grösseren Auffassung ist niemals die Rede, 
kaum je von einem Urtheile über irgend eine .Einrichtung oder 
den Mangel einer solchen, und selbst diese seltenen Fälle be- 
treffen nur ganz untergeordnete Fragen, ein Stück des Reichs- 
gerichtsprocesses oder dergleichen. Glaubt man z. B. , dass 
Pütter in der Geschichte des dreissigjährigen Krieges auch nur 



214 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

ein Wort des Schmerzes gefunden hätte über die Einmischung 
der Fremden, über den Verlust des Elsasses; dass er die im 
westphälischen Frieden vollendete Anerkennung der Landeshoheit 
als einer selbstständigen Staatsgewalt, dass er also die Vernich- 
tung des Einheitsstaates in Deutschland auch nur hervorgehoben, 
die itio in partes der beiden Religionstheile, welche ein völliges 
Stillstehen jeglicher gemeinschaftlicher Regierung möglich machte, 
von dieser Seite auch nur aufgefasst hätte? Wahrlich nein; 
diess Alles war ja unzweifelhaft bestehendes Recht, und wenn 
Deutschlands erster Publicist in diesen Fragen es je erlaubt fand, 
über die einfache Anführung der Thatsache oder über die schul- 
gerechte Auslegung der Gesetzesworte sich zu erheben, so ver- 
mochte er höchstens eine protestantische AngstauiTassung zu 
gewinnen. Er blieb der logische Rechtsgelehrte; Staatsmann 
•und Vaterlandsfreund war er nicht. 

Man werfe nun aber nicht etwa die Schuld auf die Zeit 
allein. Sie war freilich eine höchst erbärmliche in. allem, was 
das öffentliche Leben betraf. Allein eben über ihre Zeit sollen 
bedeutende Männer hervorragen. Zum Beweise aber, dass sie 
es auch eben damals wohl konnten, wenn sie nur wollten und 
den Stoff dazu in sich hatten, mögen Friedrich Carl Moser und 
Schlözer dienen. Beide Zeitgenossen, jener der eigene Amts- 
genosse Pütters. Wenn z. B. vor Schlözer die kleinen Zwing- 
herren zitterten, und selbst die stolze Kaiserin sich eines Befeh- 
les weigerte, weil Schlözer ihn missbilligen würde : was hätte 
da P ü 1 1 e r würken können ? Er, der in Kenntnissen , Haltung, 
persönlicher Achtung weit höher stand; er, der einem Orakel 
gleich verehrte Lehrer fast aller deutschen Staatsmänner, vieler 
Fürsten ; er, dem eine klare und gemeinfassliche Darstellung des 
Unrechtes und der Verrottung im Einzelnen und im Ganzen gar 
wohl zu Gebote stand; er, von dessen Spruch keine Berufung 
statt gefunden hätte? Nein; gestehen wir es offen, Pütter's 
Schweigen war sein freier Wille, war bewusst und berechnet; 
oder vielleicht noch wahrer gesprochen, es war gegründet in 
angeborenem Mangel an Selbstgefühl und Schwung. Es ist 
traurig, aber es ist wahr : Pütter hatte keine Gesinnung. 

Ferne von uns zu sagen, dass er ein feiler Vertheidiger 



Johann Stephan Pütter. 215 

von Unrecht gewesen sei. Im Gegentheile. Er hielt fest, was 
er als positiv begründetes Recht erkannt hatte, falls er in die 
Lage kam, sich aussprechen zu müssen. Er war ausser Stand 
gegen sein juristisches Wissen zu handeln, wenn er äussern 
Grund hatte sich auszusprechen, und hierin schreckte weder, 
noch verlockte ihn eine Gegenpartei. Dessen sind alle seine 
Schriften Zeuge, namentlich seine Rechtsfalle. Nichts wäre un- 
gerechter, als in ihm einen käuflichen, bestechlichen Sykophanten 
finden zu wollen. — Allein ein Anderes ist , eine unangenehme 
Wahrheit unaufgefordert und aus innerem Drange zu sagen und 
unablässig bis zum Siege zu verfolgen; die staatlichen Verhält- 
nisse von einem höhern Menschlichkeits-Standpuncte zu betrach- 
ten, und hier sich selbst die Gegenstände des Würkens zu 
suchen; durch das Herz die Richtung sich geben zu lassen, 
welche dann mit Wissen und scharfer Logik verfolgt wird; die 
grossen Schäden des Vaterlandes mit ofTenem Blicke und mit 
Gefühl aufzufassen und zu schildern. Zu solchem Denken, 
Fühlen und Handeln fand Pütter sich nicht berufen. Nochmals, 
es fehlte ihm an Gesinnung. 

Ist es nun aber nicht vielleicht eine verwerfliche Splitter- 
richterei, sich nicht begnügen zu wollen mit den vielen preis- 
würdigen Leistungen des Wissens und der Emsigkeit, und den 
Mann auch noch auf die Kapelle zu bringen hinsichtlich seiner 
sittlichen Auflassung? Kann und muss uns nicht genügen, was 
er leistete , ohne dass wir auch noch fragen , warum er diess 
und nichts Anderes gethan ? Nein. Bei einem Staatsgelehrten 
ist, wo es sich von einem Begreifen und Beurtheilen des ganzen 
Mannes handelt, mit der Würdigung des Verstandes und Ge- 
dächtnisses keineswegs die Untersuchung abgeschlossen. Mit 
Recht wird auch noch gefragt, wie die Gesinnung beschaffen 
gewesen sei? Bei manchem Zweige des menschlichen Wissens, 
der Rechtsgelehrsamkeit sogar, kann die Frage, mit welcher 
Gesinnung sie betrieben worden seien, gar nicht gestellt werden, 
weil Stoff und Zweck unbedingt gegeben sind, der Bearbeiter 
somit nur Wissen und Logik anwenden kann. Die wissen- 
schaftliche Gesinnung eines Chemikers, eines Pflanzenkun- 
digen, selbst eines Pandectisten oder Feudisten ist undenkbar; 



216 Schilderungen berühmter Staatsgelehrter. 

Gesinnung hat ein solcher nur als Mensch. Anders dagegen 
bei denjenigen Theilen der Wissenschaft, in welchen der Bear- 
beiter einen sittlichen Standpunkt einnehmen muss, von welchem 
er den Ausgang und das Ziel seiner Disciplin auffasst, und der 
erhellt in der Auffassung des Ganzen, in der Ausarbeitung der 
Einzelnheiten und in dem practischen Zwecke, den er sich und 
seinen Schülern setzt. So z. B. in der Philosophie, in der Ge- 
schichte, in einem Theile der Rechtswissenschaft. Ganz vor- 
züglich- aber ist es der Fall in allen Gesellschaftswissenschaften. 
Bei dem Nationalökonomen, dem Politiker, dem Völkerrechts- oder 
Staatsrechtslehrer ist es von der grössten Bedeutung, von wel- 
cher Gesinnung er beseelt ist. Sicherlich soll ihm als ehrlichen 
Mann und als Mann der Wissenschaft die objective WaTirheit 
erste Aufgabe sein; allein das Urtheil über sie und die Anwen- 
dung derselben auf die bestehenden Verhältnisse , ist Sache der 
Gesinnung. Es kann ja sein Urtheil tadelnd und lobend, er- 
munternd zur Festhaltung , zur Verbesseruug und zur Zerstörung, 
gleichgültig oder begeisternd seyn ; die Anwendung mag scho- 
nend und durchgreifend, mit bioser Unterwerfung unter die 
logische Notwendigkeit oder mit Ueberzeugungsfröhlichkeit ge- 
schehen. Namentlich ist bei dem mündlich vortragenden Lehrer 
diese Richtung von der höchsten Bedeutung, da denn doch seine 
hauptsächlichste Bedeutung nicht in dem Stoffe liegt, (dieser ist in 
der Regel in Büchern mindestens eben so gut zu finden,) son- 
dern in der Anregung und Willensbestimmung. Und es ist denn 
sicherlich ein vollendetes Urtheil über einen Staatsrechtslehrer 
nicht möglich ohne eine Berücksichtigung seines Strebens hin- 
sichtlich der Freiheit und der Ordnung, seiner Bevorzugung des 
geschichtlichen Rechtes oder des ideellen Bessern, seiner Festigkeit 
oder Schmiegsamkeit gegen die blosse Gewalt; mit Einem Worte 
ohne Berücksichtigung seiner Gesinnung. — Hat also Pütter sich 
damit begnügt, ein grosser Rechtsgelehrter zu werden, nicht 
aber gewusst ein grosser Charakter zu seyn; und hat er da- 
durch seiner Würksamkeit auf Leben und Wissenschaft gescha- 
det: so ist der Beurtheiler berechtigt, auch dieses zu sagen. 
Wahrlich nicht aus schadenfroher Lust an Fehlern sonst 
hochzustellender Männer, sondern zur Rechtfertigung des hier 



Johann Stephan Pütter. 217 

Gesagten und zur Erklärung der Erscheinung erinnern wir 
schliesslich an die vielen, zum Theile unbegreiflichen Stellen in 
der eigenen Lebensgeschichte Pütter's. Wie hätte ein Mann 
Sinn für die tiefe Erniedrigung der Nation, ein Gefühl Tür das 
angeborene Volksrecht haben sollen, der in seinen eigenen Ver- 
hältnissen die Standesunterschiede auf das demüthigste anerkannte, 
zu den Erdengöttern bis zu ihren lächerlichsten Ausläufern 
herab mit einem wahren Cultus aufblickte, sich selbst so wenig 
achtete, dass er nur eitel nicht aber stolz war? Man begreift 
in der That, dass die Abwägung der Ansprüche der altfürst- 
lichen Häuser gegen die der Kurfürsten, oder die der Neu- 
gefdrsteten ein grösserer Gegenstand , als die verächtliche 
Nichtigkeit des Reichstages, für einen Mann seyn konnte, der 
von jedem Jahre seines langen Professorenlebens pünctlichst 
mittheilt, melche Grafen oder gar Prinzen seine* Vorlesungen 
mit ihrem Besuche beehrten ; den ein Privatissimum noch fünfzig 
Jahre später in der Erinnerung entzückt, weil „ein junger Herr 
von Stand (irgend ein kleiner Reichsgraf) ihn seiner völligen 
Aufmerksamkeit würdigte"; der seine jährliche Badegesellschaft 
pünctlichst nach den Klassen des Rangreglements abtheilt und 
nach Standesgebühr zuerst sich der regierenden Fürsten erfreuet, 
dann der neuern fürstlichen Herrschaften, dann der altgräflichen 
reichsständischen Häuser, der Standespersonen (als da waren 
Kammerherren und Oberküchenmeister), der Geschäftsmänner 
worunter Minister, endlich der Gelehrten und Schriftsteller, unter 
welchen z. B. ein Herder, ein Moser, ein Gltjim, Boie u. s. w. 
Es schliesst das Verständniss über die nur leichte und gelegent- 
liche Hinweisung auf die Pflichten der fürstlichen Würde 
auf, wenn die Anerkennung des Verdienstes des zweiten und 
dritten Georgs um ihre Götlinger Hochschule in folgender, nach 
Sinn und Form gleich entsetzlicher, Art gepriesen wird: 
„Nicht, wie Könige schon den höchsten Dank verdienen, wenn 
sie dergleichen Anstalten nur der Vorsorge rechtschaffner Männer 
übergeben, und Vorschläge, die ihnen geschehen, nur zu geneh- 
migen geruhen; sondern so vieler Proben der unmittelbaren 
Aufmerksamkeit, Huld und Freigebigkeit der eignen höchsten 
Person des Königs kann sich seine G. A. rühmen, dass es in 



218 Johann Stephan Pütter. 

der That eine Sache der Menschheit ist, dankbar verehrend 
Antheil daran zu nehmen, wenn Monarchen in Beförderung ge- 
lehrter Anstalten bis ins Einzelne mit zweckmässiger Huld sich 
herablassen." Niemand wird ein stolzes Nationalgefühl, oder 
einen lebendigen Eifer für Bürgerrecht da erwarten , wo ein 
Gelehrter, der doch sich wohl bewusst war in ganz Deutschland 
als der erste seines Faches geehrt zu seyn , in demuthsvollem 
Glücke darüber zerfliesst , dass er drei Prinzen , welche nicht 
einmal deutsch genug konnten um ihn zu verstehen, in seinem 
Hörsaale hatte, oder es für hohen Gewinn erachtet , „Personen 
so erhabenen Standes" (wie z. B. aus den Häusern Löwenstein, 
Hohenlohe oder Reuss) auch nur zu sehen, für den höchsten 
Gewinn aber, wenn sie sich bis zu Gesprächen mit seiner einem 
herabliessen"; oder „das glückliche Gedächtniss über einen so 
geringen Gegenstand" nicht genug bewundern kann, wenn eine 
reisende Fürstin ihn, Pütt er! nach einigen Jahren mühsam 
wieder erkennt. Es wäre widersinnig, ein Streben nach Befesti- 
gung und Ausdehnung der gesetzlichen Freiheit und Selbst- 
ständigkeit des Bürgers von dem Rechtslehrer zu erwarten, der 
sich selbst gegenüber von Vorgesetzten in solcher Abhängigkeit 
hielt, dass er z. B. den, ihm sogar ärztlich angerathenen , Besuch 
der Reitschule nicht ohne Anfrage bei dem Minister zu unter- 
nehmen wagte. — Rechne man hier so viel ab auf schlechte 
Zeit und schlechten Geschmack, als man irgend wolle; es bleibt 
immer ein eigner Kern übrig von kleinem Geiste, niederer Sin- 
nesweise, welcher Widerwillen und Bedauern erweckt, und dessen 
abschwächender Einfluss uns um einen würklich grossen Mann 
ärmer macht. 

Es thut wehe, mit diesem Tadel schliessen zu müssen. Wie 
weit lieber möchte man den Flecken in dem Standbilde eines Man- 
nes verschweigen, das wir wegen sonstiger Verdienste hoch zu 
stellen haben ; wie viel wohlthuender wäre es, Pütter auch in Be- 
ziehung auf staatsbürgerliche Hochherzigkeit zum Muster empfehlen 
zu können ! Allein sittliche Pflicht ist es, sittliche Fehler zu rügen, 
namentlich wo dieselben gemeinschädlich würkten oder gar als Bei- 
spiel dienen könnten. Der Billigkeit aber glauben wir alle mögliche 
Rechnung getragen zu haben.